![]() |
Hervé Graumann zweifelt
bei seiner Maler-Maschine, der er einen Namen und etwas zu arbeiten gibt
(Tinte, Papier und elektrischen Strom), nicht daran, daß er soeben
eine Persönlichkeit geschaffen hat, die ihn überwältigen,
ihn verfolgen, ja sogar mit ihrer Individualität provozieren wird.
Ist »Raoul Pictor«
anfangs auch das Produkt von Hervé Graumann (hat er nicht jede einzelne
Zeile seines Programms geschrieben?), so scheint es doch, daß dieser
mittlerweile auf seinen Schöpfer abgefärbt hat. Ist der Schöpfer,
das Individuum, das etwas schafft und sich dabei ausdrückt, nun zu
einer stummen Aussage seiner Maschinen reduziert worden? Ohne sich hinter Identitätsfragen verstecken zu wollen, positioniert Hervé Graumann seine Arbeit doch auf dieser abstrakten und fließenden Grenze zwischen dem Autor und der Maschine. Bei seinem Projekt für die Website der documenta weiß man nicht genau, wer sich ausdrückt, wer diese traurige, verlassene Person ist, die um Hilfe bittet. Dennoch macht sie es von einem bestimmten Ort irgendwo im World Wide Web. Außerdem ist sie nur dort zu erreichen. Außer sie ist nur auf dem Schirm des Betrachters. Tatsächlich beginnt alles mit einem schwarzen Bildschirm. Bewegt man den Curser mit der Maus auf diesem Schirm, bewegt man auch eine weiße Scheibe, die an einen von einer Taschenlampe erzeugten Lichtstrahl erinnert. Diese Form gibt Schritt für Schritt einen Text preis, den man nur lesen kann, wenn man mit diesem Lichtstrahl über den Schirm zieht: »aargh! nicht mein Tag heute«, dann »wirklich nicht« und »wie lange schon?« oder »tief schwarze Nacht« und weiter unten »allein«, »eingesperrt, allein, verloren! allein, vergessen«. Die Wörter bewegen sich, sind zerstückelt, über den ganzen Schirm verteilt, groß oder klein geschrieben, und es ist nicht möglich vorherzusehen, wo die Wörter auftauchen, von wo oder wem sie kommen. Im unteren Teil des Bildschirms steht ganz klein und in ungelenker Kinderhandschrift geschrieben »mail me«, ein neuerlicher, verzweifelter Aufruf zur Kontaktaufnahme. Jetzt müßte man noch wissen, wer die Kontaktperson ist und was mit den Nachrichten passiert. Einerseits fühlt sich der Mensch von der Maschine angezogen, andererseits fürchtet er sie. Die Arbeit von Hervé Graumann spielt sowohl mit dem einen als auch mit dem anderen Gefühl. Er läßt die Maschinen eine gewisse Anzahl von Operationen durchführen, damit sie so ihre Unabhängigkeit vorgeben können und eine Chance haben zu verführen, und gerade dadurch eine andere Form von menschlichem Genie aufzuzeigen. |
|
Simon Lamunière
|
|